Metamorphus

Grainne

Brombeerranken verhakten sich in ihrer Jeans, als sie den vergessenen Gleisen entlang durch das hohe Gras lief. Schon vor Jahrzehnten war dieser Bahnabschnitt stillgelegt worden, wie so viele damals. Die Verbindungen zu den vielen kleinen Dörfern waren wirtschaftlich schlicht nicht zu tragen gewesen, und so lagen die Strecken nun von der Zeit und der Gesellschaft vergessen da, das Eisen rostend, die Holzplanken zerfallend, und früher oder später würde sich die Natur, die sie einst durchkreuzten, ihr früheres Gebiet zurückerobern.

Das goldene Zeitalter der Eisenbahnen gehörte zweifelsfrei der Vergangenheit an, alleine die Tatsache, dass niemand mehr dieses Wort verwendete unterstrich dies. Sie waren zu schlichten Zügen verkommen, zu Straßen- oder Untergrundbahnen, zu alltäglichen Transportmitteln von A nach B, zu den Geiseln der Pendler. Es waren keine Reisen mehr, auf die sich die Menschen begaben, wenn sie einstiegen. Routine lag in der Luft, statt dem Duft von Abenteuern. Doch manchmal konnte man ihn noch spüren, den Geist, der einst die Züge umgeben hatte, immer dann, wen man das Buch in dem man gerade las beiseitelegte und einfach nur aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft schaute und weder hier noch dort, sondern irgendwo in einem undefinierbaren Dazwischen, einem Schwebezustand, schlicht, unterwegs war – sich fortbewegend und doch das Vergangene hinter sich lassend in Gedanken ruhend.

Es war ein sonniger Spätsommernachmittag, und eine Welle der Melancholie hatte sie ereilt. Sie stand zwischen einst majestätischen Lokomotiven, die auf einem abgeschiedenen Gelände in South Wales ruhig warteten, auf eine Zeit, die nicht mehr kommen würde. Gráinne kam gerne hier her, immer dann, wenn sie diese unbestimmte Sehnsucht gepackt hatte, die einen manchmal beim Blick aus dem Fenster erreicht, wenn einem klar wird, dass die Welt so viel größer ist, als man es jemals begreifen kann.

Irgendwann, dachte sie sich, irgendwann würde sie all die Länder bereisen von denen sie immer geträumt hatte. Doch für heute gab sie sich damit zufrieden, auf dem Dach einer alten Lokomotive zu sitzen und in die Ferne blickend den Sonnenuntergang zu betrachten.

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