Januar
Zögerlich trat Frank an den Rand der Klippe und die Welt erstreckte sich vor ihm weiter als er sehen konnte. In der Ferne zog ein Frachter gemächlich über den Ozean, unter ihm schlugen die Wellen gegen die schroffen Felsen. Zarte Wolken sprenkelten den Himmel. Gewöhnlich war dies ein belebter Ort. Familien kamen zum Picknick, Kinder ließen Drachen steigen, Spaziergänger mit albernen Stöcken folgten dem Wanderweg entlang der Küste. Andere standen wie er einfach da um die Aussicht zu genießen und ihm gefiel der Gedanke, dass die Menschheit noch immer auf Hügel stieg, nur um von oben herab die Welt zu betrachten. Der Blick auf die endlosen Wellen war ähnlich beruhigend wie der in züngelnde Flammen oder auf die Strömung eines Flusses. Er hätte sich stundenlang darin verlieren können.
Doch es war Sonntag und es war früh und so vermochte kein noch so schöner Anblick die Menschen aus ihren Betten zu locken. Er war also alleine, am südlichsten Punkt der Insel, am Rande des Abgrunds, nur einen Schritt über die grasbewachsene Kante hinweg vom Tode entfernt. Er knöpfte seinen Mantel auf, griff in die Innentasche und zog einen Papierflieger heraus. Sorgsam strich er über die Faltkanten und andächtig klappte er die Flügel aus. Er betrachtete ihn kurz mit einem Lächeln, als wäre es nicht nur ein Stück zerknickte Makulatur sondern ein verletzter Sperling, den er hinaus in die Freiheit trug nachdem er ihn liebevoll aufgepäppelt hatte. Er hob ihn hoch, hoch über seinen Kopf und mit einer eleganten Bewegung ließ er ihn fliegen. Sein papierenes Gefieder leuchtete in den morgendlichen Sonnenstrahlen und einem Meeresvogel gleich segelte er durch die klare Januarluft den Wellen entgegen.
