Metamorphus

Harrold

Es war zum Verzweifeln. Hätte er die Möglichkeit gehabt, er hätte sich lieber umgebracht als hier weiter elendig zu krepieren. Er steuerte langsam aber sicher dem Tode entgegen und weder wusste er, was er dagegen hätte tun können, noch schaffte er es, irgendwen auf seine missliche Lage aufmerksam zu machen. Er konnte nur auf Hilfe warten, und das tat er nun schon seit so vielen Tagen, dass er allmählich die Hoffnung aufgab.

Harold war am Verdursten. Er hätte alles gegeben für ein paar Tropfen Wasser, einen Schluck dieser kostbaren, lebensrettenden und –erhaltenden, klaren Flüssigkeit. Nun gut, viel besaß er auch wieder nicht, insofern wäre ihm das nicht schwer gefallen. Nichts desto trotz, es war ihm verdammt ernst. Wenn ihm doch nur jemand zur Hilfe eilen würde, irgendwer. Sein Glaube an die Menschheit war noch nie besonders stark gewesen, aber nun bröckelte auch das letzte bisschen und verschwand. Wie eine in der Hitze ausdörrende Pfütze oder ein Tropfen auf einer heißen Herdplatte. Wasser und Tod, das waren die einzigen beiden Dinge, um die seine Gedanken kreisten.

Mit dem Tod hätte er sich abfinden können. Er hatte eine Weile über sein bereits gelebtes Leben nachgedacht, doch allzu viel Zeit hatte dies nicht beansprucht – es war im Grunde kaum spannender gewesen als das Betrachten der berühmten, trocknenden Farbe oder vielleicht das einer Fliege. Weit gekommen war er ohnehin nie. Für ihn war das in Ordnung, er schätzte die Einfachheit und die Ruhe. Und das Wasser. Und da kam nun wieder der Tod ins Spiel. Wie gesagt, wäre der Sensenmann gekommen, um ihn zu holen, es wäre ihm recht gewesen, alles hatte einmal sein Ende. Doch der alte Mann schien ein grausames Spiel mit ihm zu spielen, ihn zu Quälen und zum Narren zu halten, auf eine so perfide Weise, dass es auf bewundernswerte Weise verachtend war. Es war das Sterben, dieser langsame, schleichende Vorgang, der ihn wahnsinnig machte. Leben und Tod, schön und gut, doch auf den Übergang hätte er verzichten können.

Das absurde an Harolds Misere war, dass seine Rettung nur zentimeterweit von ihm entfernt stand und ihn regelrecht auszulachen schien. Gut, Wasser konnte freilich nicht Lachen, aber sein ihm Fernbleiben trieb ihn langsam so sehr in den Wahnsinn, dass es zumindest in seiner Wahrnehmung gut möglich gewesen wäre. Es war die Steigerung des auf See Verdurstenden, der umgeben von Wasser doch nichts trinken konnte. Doch dem Schiffsbrüchigen bot sich nur ungenießbares Salzwasser, Harold hingegen blickte auf ein Glas klaren Trinkwassers, welches irgendeine Person mit makabrem Sinn für Humor dort abgestellt haben musste.

Hätte er nur Hände und Arme gehabt, es wäre ihm ein Leichtes gewesen, danach zu greifen und seine Not zu beenden. Doch Harold war leider nur eine gewöhnliche Topfpflanze, und konnte so wenig nach dem Glas greifen, wie das Wasser aus selbigem hätte zu ihm springen können. Ach, wenn er sich doch nur hätte umbringen können...

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