Sarah
Es war ein anstrengender Tag gewesen, voller Meetings mit wichtigen Leuten (oder zumindest solchen, die sich Mühe gaben so zu wirken) und begleitet vom ständigen Klingeln ihres Telefons, das wie ein nerviger Tinnitus nie aufhören wollte. Die Nacht war bereits hereingebrochen, als Sarah die Firma verlassen hatte. Kühl und klar war sie ein angenehmer Kontrast zu den neonbeleuchteten, stickigen Büros, in denen man irgendwann nicht mehr vernünftig denken konnte. Sie atmete tief durch und hatte zumindest für einen kurzen Moment das Gefühl, etwas von der Last des Stresses hinter sich zu lassen.
Auf der Straße herrschte reges Treiben. Menschenmassen eilten an den Schaufenstern der Läden vorbei und alle schienen sie mit sich selbst beschäftigt. Merkwürdig, wie jeder, von Personen umgeben, doch alleine war. Sie überlegte auf dem Weg zur Bahnstation noch einen wärmenden Kaffee zu holen. Morgens lehnte sie das Getränk grundsätzlich ab. Sie wollte nicht den Eindruck erwecken, sie gehöre zu der Sorte Leute die behaupteten, ohne Kaffee gehe bei Ihnen morgens gar nichts (denn die kamen ihr schon immer ein wenig suspekt vor), aber sie ließ gerne einen Arbeitstag damit ausklingen.
Während Sarah ihren Blick nur mäßig interessiert über die Schaufenster schweifen lies, in denen letztendlich fast immer dasselbe präsentiert wurde, erblickte sie plötzlich eine schmale Seitengasse, die ihr zuvor nie aufgefallen war. Die Gasse war nur spärlich beleuchtet und wirkte auf eigenartige aber doch angenehme Weiße ruhig. Sie endete nach knapp zwanzig Metern und wurde mit der Front eines kleinen Ladens abgeschlossen. Tatsächlich schien es, als würde sie nur dem Zweck dienen, auf diesen zuzulaufen.
Als sie die Gasse betrat war es ihr, als verließe sie auf einer lebhaften Feier den Raum um kurz frisch Luft zu schnappen. All die Geräusche der Straße wirkten plötzlich gedämpfter, fast so, als wäre eine Türe hinter ihr zugegangen. Wie eigenartig, dachte sie, als sie kurz über die Schulter blickte, dass der Schwarm von Menschen einfach vorbei zog. Die erleuchteten Fenster des Ladens strahlten Wärme aus und wirkten wie eine freundliche Einladung. Es war ihnen zu verdanken, dass sie nicht schon längst wieder kehrt gemacht hatte und zurück zur Straße gegangen war, denn ohne diese hätte die Gasse ein ganzes Stück düsterer, ja fast beängstigend gewirkt. Und so ging sie weiter auf den Laden zu, ohne sich recht erklären zu können, wieso.
Beim Näherkommen erkannte sie beim Blick durch die Fenster, dass es sich bei dem Geschäft um ein Café handelte. Ein kleines und allem Anschein nach sehr altes Café. Die Farbe begann vom dunklen, hölzernen Türrahmen zu blättern, und die Scheiben der durch mehrere Stege unterteilten Fenster schienen zumindest von außen seit Jahren nicht mehr geputzt worden zu sein. Ein Schild hing schief über dem Eingang, doch war es so verwittert, dass seine Aufschrift nicht zu entziffern war. Sie meinte eine dampfende Tasse und die Andeutung von Pflanzen darauf zu erkennen. Einen Moment zögerte sie, die Hand bereits auf die Türklinke gelegt – dann trat sie ein.
Es ist der Geruchssinn, dem die wenigsten Menschen eine allzu große Bedeutung beimessen, der uns mehr als alle anderen Sinne an ferne Orte und vergangene Zeiten zu versetzen mag. Sarah wusste nicht, woher sie den Duft kannte. Aber als sie das Café betrat schien es ihr, als würde sie etwas wiederbegegnen das sie in ihrer Kindheit gekannt, aber seit langem vergessen hatte. Etwas daran unterschied ihn vom Geruch aller anderen Cafés, die sie jemals betreten hatte und gab ihr das eigenartige Gefühl zu Hause, geborgen zu sein. Sie blickte sich um. Der Raum war in warmes Licht getaucht. An einem Tischchen in einer Ecke saß ein Mann, das Gesicht hinter einer Zeitung verborgen, doch schien er keinerlei Notiz von ihr zu nehmen. Ansonsten war das Café leer.
Hinter dem Tresen wurde eine Tür geöffnet und eine Frau trat hindurch. Für einen Augenblick meinte Sarah, in ein Gewächshaus blicken zu können, doch die Tür war bereits wieder ins Schloss gefallen, ehe sie genaueres erkennen konnte. Mit einer raschen Handbewegung und einem flüchtigen Lächeln wies die Frau auf die freien Stühle, und Sarah setzte sich an einen Platz direkt am Fenster. Die Frau kam zu ihr, Sarah bestellte einen Kaffee, und als ihr wenig später eine dampfende Tasse gebracht wurde, fragte sie: „Wie lange arbeiten Sie schon hier?“ Die eigentliche Frage, die sie beschäftigte, war, wie sie so lange an dieser Gasse, diesem Café hatte vorbei laufen können, ohne es ein einziges Mal zu bemerken, wo es seinem Anschein nach seit Ewigkeiten existierte. Aber sie wusste nicht, wie sie das in Worte fassen sollte, und hatte außerdem den Eindruck, dass auch die junge Frau nicht die ganze Geschichte des Ladens kannte. „Eine Weile“, antwortete ihr die Frau, nachdem sie die Tasse abgestellt hatte, doch weiter sagte sie nichts. Sarah nahm die Tasse in die Hand, und betrachtete eine Weile die feine Crema, während sie wartete, dass der Kaffee auf die richtige Temperatur abkühlte. Auf den Punkt, bei dem man sich gerade so nicht mehr verbrennen, aber dennoch von heiß und nicht von warm sprechen konnte. War das hier echt?
Sie hörte ein rascheln und bemerkte, dass der Mann in der Ecke gegenüber die Zeitung gesenkt hatte und sie nun ansah. Sie erwiderte seinen Blick. Eine Weile schwiegen beide. Der Mann, ein älterer Herr mit grauen Haaren und einem farblich zum Getränk in ihren Tassen passenden, nicht mehr ganz neu wirkendem Anzug, schien sie zu mustern, als überlegte er sich, ob es sicher war, etwas, das ihm auf der Zunge lag, zu sagen. Dann fragte er schließlich: „Soll ich Ihnen etwas zeigen?“
Es war eine seltsame Frage, und einen Augenblick lang war Sarah versucht zu entgegnen „Kommt ganz darauf an.“ Doch offensichtlich hatte sich der Mann die Frage wohl überlegt, und so nickte sie. Der Mann faltete seine Zeitung zusammen, stand auf und ging um den Tisch herum. „Nicht viele Menschen kommen hier her“, sagte er. Das war offensichtlich, dachte Sarah. „Sind Sie öfters hier?“, entgegnete sie. Der Mann nickte. „Ja, kann man so sagen. Ich bin hier der Gärtner.“ Dann ging er auf den Tresen zu und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Sie musste in einem Traum gelandet sein. Entweder das, oder der Mann hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Er führte sie zur Türe, durch die zuvor die Frau gekommen war. Jetzt erinnerte sich Sarah daran, dass sie vorhin geglaubt hatte, ein Gewächshaus durch die Türe zu sehen, und sie war erpicht darauf zu erfahren, was es damit auf sich hatte.
Der Raum den sie betraten war angenehm warm und zum zweiten Mal an diesem Abend schien sie mit nur einem Schritt in eine völlig andere Welt gelangt zu sein. Sträucher wuchsen hier, die Sarah bis knapp über den Kopf reichten, mit tiefgrünen Blättern und leuchtend roten, entlang der Zweige in kugligen Trauben angeordneten Beeren. Ihr wurde klar, dass dies Kaffeebäume sein mussten. „Sie sollten sie sehen wenn sie blühen“, meinte der Mann, lächelnd auf die Pflanzen blickend. „Dann sieht es aus, als würden sich weiße Girlanden durch den ganzen Raum ziehen“.
Irgendwie hätte sie die dunklen Kaffeebohnen nie mit solchen Früchten in Verbindung gebracht, die, wie sich herausstellten, süßlich und ein wenig nach Melone und Rose schmeckten, und Sarah entwickelte eine rasche Sympathie für die Pflanzen. Sie waren die stillen Helden, welche die Menschen durch ihren Alltag brachten, der Ausgangspunkt eines langen Herstellungsprozesses, an dessen Ende jenes dunkle Getränk stand, mit dem für so viele der Tag begann, die Basis gemeinsamer Zusammenkünfte, ein Zeichen der Aufmerksamkeit an kalten Wintertagen, ein Moment der Ruhe.
Noch lange nachdem Sarah das kleine Café verlassen hatte dachte sie über das Gesehene nach. Sie erzählte niemandem, was sie erlebt hatte, und wenn sie die Menschen sah, die billigen Instantkaffee aus ihren Pappbechern schlürften, dachte sie, es hätte wohl sowieso keiner verstanden. Eine neue Pflanze stand jetzt bei ihr am Fenster. Und der alte Mann hatte Recht gehabt, als die strahlend weißen Blüten entlang der Zweige auftauchten, sah es fast so aus, als stünde ein kleiner, sehr sommerlicher Weihnachtsbaum in ihrer Wohnung.
