Humbug
„Humbug“, seufzte der Weihnachtsmann, griff sich einen Lebkuchen und lies sich aufs Sofa sinken. Eben war er von der Adventssitzung des Nordpolrates zurückgekommen und der Kopf schwirrte ihm, als wäre er zu lange Karussell gefahren. Das Fest stand vor der Tür, die Probleme mehrten sich. Die Wichtel hatten Warnstreiks angekündigt, weil ihre wöchentliche Ration heiße Schokolade nicht erhöht wurde. Ohnehin waren sie mit ihrem Image als bloße Helfer des Weihnachtsmann unzufrieden. Die Fraktion Bündnis Tannenzweig hatte einen Antrag gestellt, die Farbe der Uniformen zu ändern. Das Rot verkörpere softdrink-getränkten Kapitalismus, grün wirke viel freundlicher und nachhaltiger. Dem Weihnachtsmann gefiel sein Mantel wie er war, und kopfschüttelnd nahm er einen Schluck kühle Coke. Doch es gab auch ernste Probleme. Das Rentierkommitee hatte vor einem Futterengpass gewarnt, die Schlittenwerkstatt vor dem Verschleiß der Flotte. Tatsächlich hatten einige der Fahrzeuge gravierende Fehler in der Frostabwehr, andere waren gänzlich fluguntauglich. Zudem gab es diplomatische Spannungen zwischen Nordpol und Osterinseln, symbolisch wurden bereits Einfuhrzölle auf Nussknacker erhoben. Nicht zuletzt deshalb hatten einige Ratsmitglieder hinter vorgehaltener Hand bereits seinen Rücktritt gefordert. Vielleicht sollte er ihnen zuvorkommen, südwärts ziehen, sich zu Ruhe setzen. Sein Amt war ohnehin nur noch repräsentativ. Die Wichtel ließen sich von ihm schon lange nichts mehr sagen, der Rat traf alle politischen Entscheidungen und die Arbeit war Großteils ausgelagert. Eltern übernahmen das Schenken, es reichte, wenn er sich hin und wieder mit seinen Rentieren am Himmel sehen lies um den Zauber aufrecht zu erhalten.
Gedankenverloren blickte er auf das Schneetreiben vor dem Fenster. So lange war er schon Hüter der Weihnacht, dass er vergessen hatte, was er eigentlich beschützte. Alles ging so schnell heute und die Feiertage waren meist schon vorbei bevor er merkte, dass sie begonnen hatten. Früher war es anders gewesen. Kerzen standen für gemütliche Wärme, nicht für Wachsflecken auf dem Tisch und Tannenzweige verbreiteten adventlichen Duft, nicht Nadeln auf dem Teppich. Ganz am Anfang, als die Arbeit noch überschaubar war, hatte er jedes Geschenk selbst verpackt und sich Jahr für Jahr darauf gefreut die erste Schleife zu binden oder das Papier auszuwählen. Vielleicht lag es am Alter, doch er fühlte sich seltsam sentimental und sehnsüchtig wünschte er, er könnte in diese Zeit zurückkehren, die wie ein beinahe vergessener Traum schien.
Zwei Wichtelkinder bauten voll unbändiger Freude einen Schneemann im Vorgarten. Der Weihnachtsmann sah ihnen eine Weile zu und dachte an seine Familie und seine kleinen Nichten, die weit jenseits des Polarkreises lebten. Es war lange her, dass er sie zuletzt gesehen hatte, vielleicht an Ostern. Da nahm er sich seinen Mantel und ging hinaus. In der Scheune hinterm Haus stand noch der alte Schlitten. Es war eines der Modelle, die man vor Jahren ausgemustert hatte, da sie nicht mehr den Sicherheitsstandards entsprachen und einen ineffizienten Ionen-Antrieb zur Entlastung der Rentiere verwendeten. Er hätte damals eine Abwrackprämie bekommen können, doch er hatte es einfach nicht übers Herz gebracht ihn zu verschrotten. Andächtig strich er über das Ebenholz mit eingelassener Mondstein-Verzierung und die glänzenden Polarlicht-Scheinwerfer. Er öffnete das Scheunentor, schob den Schlitten nach draußen und stieg ein – zum ersten Mal nicht als Weihnachtsmann, nicht um zu arbeiten, sondern um selbst Weihnachten zu feiern.
