Tom
Es war ein regnerischer Tag. Kalt und nass. Einer jener Tage, an denen man sich wünscht, gar nicht erst aufgestanden zu sein. Mit hochgezogenen Schultern und eng um den Körper geschlungenen Armen stand Tom da, und blickte trübe hinaus aufs Meer. Früher hätte es ihm nichts ausgemacht, auch an solchen Tagen mit seinem kleinen Fischerboot hinaus zu fahren, immerhin, es gab für heute keine Sturmwarnungen wie in der letzten Woche, aber mittlerweile war er einfach zu alt dafür. Und überhaupt, viel verdiente er mit seinem Fisch sowieso nicht mehr.
Er entschloss sich zurück zu seinem Haus zu gehen und dort auch den Rest des Tages zu bleiben. Dann konnte er der Hörspielsendung im Radio lauschen, sich mit einer Tasse Tee in seinen Sessel setzen und einen ruhigen Sonntag verbringen.
Die Hütte des alten Fischers stand nah am Rande der Klippe. Es war ein sehr schöner Fleck für ein Haus, fand Tom, doch so schön der Platz auch war und so sehr er es auch liebte an der Küste zu leben, so war er doch sehr einsam. Seine Frau war schon vor einigen Jahren gestorben und zu Fuß dauerte es eine halbe Stunde um ins Dorf zu kommen. Ab und an machte er sich auf den Weg dorthin in den Pub, aber seine Knie schienen keine große Lust mehr zu haben, größere Strecken zurück zu legen, und den meisten aus dem Dorf, die er kannte, ging es ähnlich, und so bekam er auch selten Besuch.
Es ging auf Weihnachten zu, eine Zeit, die er immer schon gemocht hatte. Ganz besonders freute er sich jedes Jahr über die Weihnachtskarten, die er zugeschickt bekam. Es waren nicht mehr besonders viele, er hatte nur noch wenig Verwandtschaft und auch von den Freunden waren einige nicht mehr am Leben, aber er bewahrte die Karten alle auf, in einer rentiergemusterten Dose in welcher einmal Lebkuchen gewesen waren. Manchmal, an besonders grauen Tagen, holte er sie hervor und las sie, und dann wusste er, dass es noch Menschen gab, denen er wichtig war, und die ihn, obwohl sie einander selten sahen, noch nicht vergessen hatten.
