Der Zwetschgenkuchen
Der Zwetschgenkuchen, der sich auf dem Balkontisch sonnte, war so vollkommen, wie man ihn nur wenige Male im Jahr bekommt. Die Früchte, zur Perfektion gereift, waren der Star der Show, selbst die knackigen Streusel und die luftig geschlagene Sahne waren nur Nebendarsteller. Vera wollte unbedingt ein Stück davon abhaben, koste es was es wolle. Sie inspizierte ihn von allen Seiten, dann begann sie ihren Sinkflug.
Vera war nicht die einzige, die gerne den Kuchen essen wollte. Auch Benjamin wollte ihn, und er wollte ihn ganz für sich alleine. Er hatte eine anstrengende Woche hinter sich und war nun froh, das Meisterwerk der Backkunst zusammen mit einer Tasse Kaffee genießen zu können. Der erste Bissen schmeckte köstlich. Oh, diese gekonnte Kombination der Gegensätze! Zuckersüß und säuerlich zugleich, knusprige Mandelsplitter, weiches Fruchtfleisch, tiefvioletter Belag, weiße Sahne. Er atmete tief durch, lehnte sich andächtig kauend zurück und schloss für einen Moment die Augen. Alle Anspannung viel von ihm ab. Und da hörte er es – das Summen der Wespe.
Benjamin wusste genau, dass sich die Wespe nicht mit Krümeln zufriedengeben würde. Sie wollte mehr vom Kuchen und holte womöglich ihre gesamte Sippschaft dazu. Hektisch würde sie um ihn herumfliegen und jeder Versuch, sie zu verscheuchen, würde sie nur aggressiv machen, bis sie ihn, mit ihrem beschränkten Verstand eine tödliche Bedrohung witternd, stechen würde. Hass überkam ihn. Denn die Wespe war für ihn nicht irgendein Insekt auf der Suche nach Nahrung. Die hätte er ihr gegönnt. Nein, sie zerstörte seinen Augenblick der Ruhe und brachte den Stress des Alltags zurück. Sie war die Chefin, die ihm Extraschichten aufbrummte, die Stadtbahn, die kurzfristig ausfiel, der Presslufthammer auf der Baustelle gegenüber. Sie stand für alles, was ihm seinen Seelenfrieden nahm. Benjamin nahm den Kampf auf. Er kämpfte gegen die Ungerechtigkeit, dass ihm an einem Sonntag nicht wenigstens ein Stück Zwetschgenkuchen vergönnt war. Mit der flachen Hand holte er aus, um die Wespe, die dicht über dem Kuchen schwirrte, hinfort zu schleudern.
Lässig stieg Vera höher und wich der Hand geschickt aus. Einem zweiten Schwinger entkam sie ebenso mühelos. Diesen Störenfried wollte sie sich genauer ansehen. „Schau mir in die Augen, wenn du mit mir kämpfst!“, dachte sie und nahm Kurs auf sein Gesicht. Panisch fuchtelnd stand der Mensch auf und starrte zornig auf sie herab. Was hatte er denn? Es war doch genug Kuchen für alle da. Ein so gefundenes Fressen konnte doch niemand für sich allein beanspruchen. Ganz gewiss nicht jetzt, da sich der Sommer dem Ende zuneigte. Noch vor wenigen Wochen hatte Vera mit ihren Schwestern den Larvennachwuchs mit Insekten gefüttert und im Austausch nahrreichen Zuckersaft bekommen. Doch diese Zeit war vorbei und die nächste Generation ausgewachsen. Auch auf den Wiesen gab es nicht mehr viel zu holen. Die Blumen waren verblüht, ihr Nektar verbraucht und ohnehin, wo fand man heutzutage noch eine ungemähte Blumenwiese? Menschen wie dieser hier hatten sie zerstört. Wie konnte er es also wagen, ihr diesen Kuchen abzusprechen? Sollte sie ihren Lebensabend denn hungernd verbringen? Woher nur kam dieser Hass? Gegen die ach so niedlichen Bienen hatten die Menschen doch auch nichts. Vera starrte zornig zurück und wendete sich dann wieder dem Teller zu.
Doch der Mensch blieb erbarmungslos. Er fuhr härtere Geschütze auf. Erst schlug er mit einer Zeitschrift nach ihr – erneut wich sie aus – dann griff er nach einer Sprühflasche. Aus Veras Sicht ging dieser Schlag weit unter die Taille. Das Wasser lähmte ihr die Flügel und machte sie manövrierunfähig. Wie ein getroffenes Flugzeug taumelte sie durch die Luft. Die Tropfen brachten das Fass zum überlaufen. Vera drehte ab, um Verstärkung zu holen. Nun ging es ihr nicht mehr ums Essen. Es ging ihr um Rache.
Benjamin wachte stöhnend auf, ein rot gepunkteter Körper auf weißen Laken. Stiche und Schwellungen überzogen ihn. Er fühlte sich, als wäre er in ein Meer aus Brennnesseln gefallen. Langsam richtete er sich ein Stück auf. „Anaphylaktischer Schock“, erklärte ihm ein Arzt ungefragt. „Sie hatten Glück, dass ihre Nachbarin gesehen hat, wie sie auf dem Balkon zusammengebrochen sind.“ Der Arzt schien beeindruckt, wie viele Wespenstiche sich ein einzelner Menschen zuziehen konnte. „Wie haben Sie das denn geschafft?“, fragte er, als beglückwünsche er die Leistung. Benjamin lies sich wieder in die Kissen sinken und seufzte. „Alles begann mit einem Stück Zwetschgenkuchen…“ Vera unterdessen biss endlich in besagtes Backwerk. Oh, diese gekonnte Kombination der Gegensätze! Zuckersüß und säuerlich zugleich. Alle Anspannung viel von ihr ab.
